Wenn sich Flugzeuge gefährlich nahekommen
Im Luftverkehr gilt grundsätzlich ein klar geregeltes System von Mindestabständen zwischen Luftfahrzeugen. Diese sogenannten Separationen werden entweder durch Fluglotsen überwacht oder im unkontrollierten Luftraum durch das Prinzip „See and Avoid“ gewährleistet. Trotzdem kommt es gelegentlich zu Situationen, in denen sich zwei Luftfahrzeuge näherkommen als vorgesehen.
Solche Ereignisse werden als AIRPROX bezeichnet. Gemeint ist damit eine Situation, in der nach Einschätzung eines Piloten oder eines Mitglieds des Flugsicherungspersonals die Sicherheit aufgrund der geringen Entfernung zwischen zwei Luftfahrzeugen beeinträchtigt war. Dabei spielen neben der tatsächlichen Distanz auch Geschwindigkeit, Flugrichtung und relative Position der beteiligten Flugzeuge eine entscheidende Rolle.
AIRPROX-Vorfälle sind nicht automatisch Unfälle oder Beinahe-Kollisionen. Sie dienen vielmehr als wichtige Frühindikatoren im Sicherheitsmanagement des Luftverkehrs. Durch die systematische Auswertung solcher Situationen können potenzielle Schwachstellen im Luftverkehrssystem frühzeitig erkannt werden.
Aufgabe der Aircraft Proximity Evaluation Group
In Deutschland werden entsprechende Meldungen von der Aircraft Proximity Evaluation Group, kurz APEG, analysiert. Dabei handelt es sich um ein unabhängiges Expertengremium, das speziell für die Untersuchung von Luftfahrzeugannäherungen eingerichtet wurde.
Die Mitglieder der APEG untersuchen gemeldete Vorfälle detailliert und bewerten die jeweiligen Umstände. Dabei geht es nicht um die Klärung von Schuld- oder Haftungsfragen. Stattdessen steht ausschließlich die Verbesserung der Flugsicherheit im Mittelpunkt.
Das Gremium analysiert beispielsweise Faktoren wie Wetterbedingungen, Luftraumstruktur, Kommunikationsabläufe, Arbeitsbelastung der Piloten oder mögliche Missverständnisse im Funkverkehr. Auf Basis dieser Untersuchungen formuliert die APEG Empfehlungen, die dazu beitragen sollen, ähnliche Situationen künftig zu vermeiden.
Solche Empfehlungen können sich sowohl an Piloten als auch an Flugsicherungsorganisationen oder Regulierungsbehörden richten.
Neue Meldewege über das Aviation Reporting Portal
Mit einer aktuellen Bekanntmachung hat das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung nun den offiziellen Weg für AIRPROX-Meldungen angepasst. Die Meldung solcher Vorfälle erfolgt künftig über das europäische Aviation Reporting Portal.
Dieses Portal ist Teil des europäischen Systems zur Meldung von Ereignissen im Luftverkehr. Grundlage dafür bildet eine EU-Verordnung, die eine einheitliche Erfassung sicherheitsrelevanter Ereignisse in der zivilen Luftfahrt vorschreibt.
Wer einen AIRPROX-Vorfall melden möchte, kann dies direkt über das Onlineportal tun. Dabei ist es nicht zwingend erforderlich, sich vorher als Nutzer zu registrieren. Auch anonyme beziehungsweise nicht registrierte Meldungen sind möglich.
Nach dem Aufruf des Meldeportals kann der Nutzer auswählen, an welchen EU-Mitgliedstaat die Meldung übermittelt werden soll. Für Vorfälle im deutschen Luftraum muss dabei Deutschland als zuständige Luftfahrtbehörde ausgewählt werden.
Zugriff der APEG auf die Meldung
Ein wichtiger Bestandteil des Meldeformulars ist eine Auswahloption, mit der festgelegt werden kann, ob die gemeldeten Informationen auch der APEG zur Verfügung gestellt werden sollen. Wird diese Option aktiviert, erhält das Expertengremium Zugriff auf die relevanten Daten.
Damit wird sichergestellt, dass die Experten der APEG den Vorfall analysieren können. Gleichzeitig bleibt der eigentliche Zweck des europäischen Ereignismeldesystems erhalten, nämlich die zentrale Erfassung sicherheitsrelevanter Ereignisse.
Vor dem Absenden der Meldung sollten Piloten möglichst auch ihre Kontaktdaten hinterlegen. Diese ermöglichen es den Analysten, bei Bedarf Rückfragen zum Vorfall zu stellen und zusätzliche Informationen einzuholen.
Teil eines europaweiten Sicherheitskonzepts
Das europäische Ereignismeldesystem verfolgt einen sogenannten „Just Culture“-Ansatz. Dieser Grundsatz bedeutet, dass sicherheitsrelevante Ereignisse gemeldet werden sollen, ohne dass die Beteiligten automatisch disziplinarische Konsequenzen befürchten müssen.
Ziel ist es, ein möglichst vollständiges Bild über potenzielle Risiken im Luftverkehr zu erhalten. Je mehr Ereignisse gemeldet werden, desto besser können Trends erkannt und präventive Maßnahmen entwickelt werden.
Gerade in der Allgemeinen Luftfahrt spielt dieses System eine wichtige Rolle. Viele Begegnungen zwischen Luftfahrzeugen finden im unkontrollierten Luftraum statt, wo keine Fluglotsen für die Staffelung verantwortlich sind. Hier hängt die Sicherheit stark von der Aufmerksamkeit und Kommunikation der Piloten ab.
Bedeutung für Pilotinnen und Piloten
Für Piloten bedeutet die neue Regelung vor allem eine Vereinfachung des Meldeprozesses. Statt unterschiedlicher nationaler Formulare gibt es nun einen zentralen Zugang über das europäische Reporting-Portal.
Wer eine kritische Annäherung erlebt hat oder beobachtet hat, kann den Vorfall schnell und unkompliziert melden. Solche Meldungen liefern wertvolle Informationen für die Sicherheitsanalyse.
Gerade in dicht frequentierten Lufträumen, in der Nähe von Flugplätzen oder in komplexen Luftraumstrukturen können solche Erkenntnisse dazu beitragen, zukünftige Risiken zu reduzieren.
Neue Bekanntmachung ersetzt bisherige Regelung
Mit der Veröffentlichung der neuen Bekanntmachung wurde gleichzeitig eine frühere Regelung aus dem Jahr 2016 aufgehoben. Die aktualisierte Bekanntmachung trat unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung in Kraft.
Die Anpassung spiegelt die zunehmende Integration nationaler Sicherheitsmeldesysteme in europäische Strukturen wider. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass die APEG weiterhin Zugang zu relevanten Meldungen erhält und ihre Analysearbeit fortsetzen kann.
Ein wichtiger Beitrag zur Flugsicherheit
Auch wenn AIRPROX-Ereignisse für die Beteiligten oft unangenehm sind, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit im Luftverkehr. Jede gemeldete Annäherung liefert Informationen über mögliche Risiken im System.
Die systematische Auswertung durch Expertengremien wie die APEG hilft dabei, Muster zu erkennen und Verbesserungen anzustoßen. In vielen Fällen führen solche Analysen zu Anpassungen von Verfahren, Schulungsinhalten oder Luftraumstrukturen.
Damit wird deutlich: Eine offene und konsequente Meldungskultur ist ein zentraler Bestandteil moderner Luftfahrtsicherheit – und ein wichtiger Beitrag aller Beteiligten, um den Luftraum auch künftig sicher zu halten.
Quellverweise:
NFL (der Link erfordert ein Abo bei Eisenschmidt)
