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Keine feste Deadline für TEL: Avgas 100LL dürfte länger verfügbar bleiben

Zuletzt aktualisiert am 15. August 2026
Für die Allgemeine Luftfahrt gibt es vorerst Entwarnung bei der Versorgung mit Avgas 100LL. Innospec, der weltweit letzte etablierte Hersteller von Tetraethylblei (TEL), hat klargestellt, dass es derzeit keinen festen Termin für die Einstellung der Produktion des Blei-Additivs gibt. Damit relativiert das Unternehmen frühere Erwartungen, wonach die TEL-Produktion um das Jahr 2030 enden könnte. Für Betreiber leistungsstarker Kolbenflugzeuge ist das von großer Bedeutung, denn zahlreiche Motoren sind weiterhin auf hochoktaniges Avgas angewiesen. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit von nur einem einzigen Hersteller ein erhebliches Versorgungsrisiko. Der Übergang zu bleifreiem Avgas läuft weiter, doch ein universell akzeptierter und flächendeckend verfügbarer Ersatz für 100LL ist noch nicht erreicht.

Innospec äußert sich erstmals eindeutig

Tetraethylblei gehört zu den unscheinbaren, aber entscheidenden Bestandteilen der heutigen Allgemeinen Luftfahrt. Das Additiv wird dem Avgas zugesetzt, um die für leistungsstarke Kolbenmotoren erforderliche Klopffestigkeit zu erreichen.

Weltweit gilt Innospec als letzter etablierter Hersteller von TEL für Flugkraftstoffe. Entsprechend groß war in den vergangenen Jahren die Sorge, dass ein Produktionsende automatisch auch das Ende von Avgas 100LL einleiten könnte.

Nun hat das Unternehmen diese Befürchtungen zumindest teilweise entschärft. Nach Angaben von Innospec existiert derzeit kein verbindlicher Zeitplan für ein Ende der TEL-B-Produktion. Entscheidungen über eine spätere Einstellung sollen den Beteiligten der Allgemeinen Luftfahrt rechtzeitig kommuniziert werden.

Das ist eine wichtige Klarstellung. Denn die häufig genannte Jahreszahl 2030 war bislang zunehmend wie eine feste technische Deadline behandelt worden. Tatsächlich ist sie in erster Linie das politische Zieljahr für den Übergang der US-amerikanischen Kolbenflugzeugflotte zu bleifreiem Avgas.

Warum TEL für viele Flugzeuge noch immer unverzichtbar ist

Das „LL“ in 100LL steht für „Low Lead“. Bleifrei ist der Kraftstoff damit keineswegs.

TEL erhöht vor allem die Klopffestigkeit des Kraftstoffs. Das ist insbesondere bei hoch verdichteten, aufgeladenen und leistungsstarken Flugmotoren entscheidend. Bei zu geringer Oktanzahl kann es zu Detonation kommen, also zu einer unkontrollierten Verbrennung des Gemischs.

Die dabei entstehenden Druck- und Temperaturspitzen können Kolben, Zylinder und weitere Bauteile innerhalb kurzer Zeit schwer beschädigen.

Ein erheblicher Teil der Flotte kann bereits heute mit bleifreiem Kraftstoff geringerer Oktanzahl betrieben werden. Schwieriger ist die Situation bei leistungsstarken Motoren, wie sie beispielsweise in schnellen Reiseflugzeugen, Twins und vielen turbogeladenen Mustern eingesetzt werden.

Gerade diese Flugzeuge benötigen einen Kraftstoff, der die Klopffestigkeit von 100LL zuverlässig erreicht.

2030 bleibt Ziel – aber keine TEL-Abschaltfrist

In den USA verfolgt die FAA gemeinsam mit der Branche über die Initiative EAGLE weiterhin das Ziel, verbleites Flugbenzin bis Ende 2030 vollständig durch bleifreie Alternativen zu ersetzen.

Dieses Ziel besteht unverändert.

Davon zu unterscheiden ist jedoch die Frage, wann Innospec tatsächlich mit der Produktion von TEL aufhört. Genau hier sorgt die jüngste Stellungnahme für Klarheit: Eine feste Produktionsdeadline gibt es nach Angaben des Unternehmens momentan nicht.

Innospec betont zugleich seine besondere Verantwortung. Als letzter großer Hersteller sei man sich bewusst, dass die Verfügbarkeit von TEL während der Übergangsphase zu bleifreien Kraftstoffen entscheidend für die Versorgung der bestehenden Flotte sei.

Damit sinkt das Risiko, dass 100LL allein aufgrund eines abrupten Produktionsendes des Additivs verschwindet, bevor ausreichend Alternativen vorhanden sind.

Die eigentliche Schwachstelle bleibt die Abhängigkeit von einem Hersteller

Völlige Entwarnung wäre dennoch verfrüht.

Eine globale Industrie, deren Versorgung mit einem unverzichtbaren Stoff von einem einzigen etablierten Hersteller abhängt, besitzt zwangsläufig ein sogenanntes Single-Source-Risiko.

Produktionsprobleme, technische Schwierigkeiten, regulatorische Veränderungen oder wirtschaftliche Entscheidungen könnten sich unmittelbar auf die gesamte Lieferkette auswirken.

Hinzu kommt, dass TEL kein gewöhnliches Industrieprodukt ist. Der Umgang mit Tetraethylblei ist aufgrund seiner Giftigkeit und der strengen Umwelt- und Arbeitsschutzanforderungen aufwendig. Ein kurzfristiger Aufbau neuer Produktionskapazitäten wäre entsprechend schwierig.

Die langfristige Lösung kann deshalb nur ein Kraftstoff sein, der ohne Blei auskommt.

Bleifreie Alternativen machen Fortschritte

Bei der Entwicklung eines vollwertigen Ersatzes für 100LL hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.

Einer der wichtigsten Kandidaten ist Swift Fuels 100R. Der Kraftstoff besitzt inzwischen eine ASTM-Produktionsspezifikation, und die FAA hat die Zulassung im März 2026 erheblich erweitert. Mittlerweile umfasst die entsprechende Approved Model List zahlreiche Motoren und Hunderte verschiedene Motorvarianten.

Noch stehen allerdings nicht sämtliche besonders anspruchsvollen Hochleistungsmotoren auf der Liste.

Ein zweiter Kandidat ist GAMI G100UL. Dieser Kraftstoff besitzt in den USA bereits eine weitreichende FAA-Zulassung über Supplemental Type Certificates und kann grundsätzlich in einer sehr großen Zahl von Kolbenflugzeugen verwendet werden.

Daneben befindet sich mit UL100E ein weiteres Konzept in der Erprobung.

Die entscheidende Frage lautet daher inzwischen weniger, ob bleifreies 100-Oktan-Avgas technisch möglich ist, sondern welcher Kraftstoff sich langfristig hinsichtlich Zulassung, Akzeptanz, Produktion und flächendeckender Versorgung durchsetzen wird.

Zulassung allein reicht nicht aus

Selbst ein technisch geeigneter und zugelassener Kraftstoff ersetzt 100LL nicht automatisch.

Die Herausforderung liegt in der gesamten Lieferkette.

Raffinerien beziehungsweise Produzenten müssen ausreichende Mengen herstellen. Tanklager und Mineralölunternehmen müssen den Kraftstoff transportieren. Flugplätze benötigen geeignete Tanks und Betankungsanlagen. Gleichzeitig müssen Hersteller von Flugzeugen und Motoren, Versicherer, Wartungsbetriebe und Behörden die Kraftstoffe akzeptieren.

Während einer Übergangsphase kann außerdem das Problem entstehen, dass Flugplätze sowohl 100LL als auch bleifreies Avgas anbieten müssten. Für kleinere Flugplätze mit nur einer Tankanlage ist das wirtschaftlich und infrastrukturell nicht immer einfach.

Gerade deshalb ist ein schrittweiser Übergang wahrscheinlicher als ein plötzlicher Wechsel an einem bestimmten Stichtag.

Europa hat zusätzliche regulatorische Herausforderungen

In Europa kommt zur technischen Frage noch die Chemikalienregulierung hinzu.

TEL unterliegt aufgrund seiner Umwelt- und Gesundheitsgefahren strengen europäischen Vorgaben. In den vergangenen Jahren war deshalb wiederholt diskutiert worden, wie lange Produktion, Import und Verwendung des Additivs beziehungsweise von verbleitem Avgas noch möglich sein werden.

Für europäische Flugzeughalter bedeutet das: Selbst wenn TEL weltweit weiter produziert wird, muss dessen Nutzung zusätzlich mit den europäischen regulatorischen Rahmenbedingungen vereinbar bleiben.

Gleichzeitig besteht auch in Europa ein erhebliches Interesse daran, einen abrupten Versorgungsengpass zu vermeiden. Ein großer Teil der bestehenden GA-Flotte kann nicht kurzfristig auf einen beliebigen anderen Kraftstoff umgestellt werden.

Was bedeutet die Nachricht für Flugzeughalter?

Für Besitzer von Flugzeugen, die auf 100LL angewiesen sind, ist die Stellungnahme zunächst positiv.

Ein plötzliches Ende der TEL-Produktion im Jahr 2030 ist derzeit nicht angekündigt. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass 100LL während der Übergangsphase weiterhin verfügbar bleibt, solange ein entsprechender Markt und eine regulatorische Grundlage bestehen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Flugzeughalter das Thema ignorieren können.

Insbesondere Betreiber leistungsstarker Motoren sollten verfolgen, welche bleifreien Kraftstoffe für ihr konkretes Flugzeug, ihren Motor und gegebenenfalls vorhandene Modifikationen zugelassen werden.

Dabei zählt nicht nur die grundsätzliche Motorenfamilie. Auch STCs, Turbolader, Verdichtungsverhältnisse und weitere technische Änderungen können für die Zulässigkeit eines Kraftstoffs relevant sein.

Fazit

Die jüngste Stellungnahme von Innospec nimmt der Diskussion um Avgas 100LL einen wichtigen Zeitdruck. Eine feste Deadline für die Einstellung der TEL-Produktion existiert nach Angaben des Herstellers derzeit nicht.

Damit ist 2030 nicht automatisch das Datum, an dem 100LL aufgrund fehlenden Bleizusatzes verschwinden muss.

Das grundsätzliche Problem bleibt allerdings bestehen. Die gesamte weltweite Versorgung mit verbleitem Avgas hängt von einem einzigen etablierten TEL-Hersteller ab, während gleichzeitig noch kein bleifreier Kraftstoff überall und für die gesamte Flotte verfügbar ist.

Die Entwicklung von Swift 100R, G100UL und weiteren Alternativen zeigt jedoch, dass der Übergang inzwischen weit fortgeschritten ist. Entscheidend wird sein, technische Zulassung, industrielle Produktion und flächendeckende Versorgung rechtzeitig zusammenzubringen.

Für die Allgemeine Luftfahrt bedeutet die Nachricht deshalb vor allem eines: mehr Zeit für den Übergang – aber keinen Grund, den Umstieg auf bleifreies Avgas aufzuschieben..


Quellverweise:
Fliegermagazin

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