Das Fach Menschliches befasst sich mit den psychologischen, physiologischen und sozialen Faktoren, die das Verhalten und die Leistungsfähigkeit von Piloten beeinflussen. Ziel dieses Fachs ist es, Piloten ein tiefes Verständnis über die menschlichen Stärken und Schwächen zu vermitteln, um Risiken zu minimieren und die Sicherheit im Flugbetrieb zu maximieren. Es ist wichtig zu betonen, dass die hier dargestellten Inhalte nur exemplarisch sind. Eine vollständige Auseinandersetzung erfolgt im Rahmen der Theorieausbildung.
Human Factors in der Luftfahrt
1. Wissenschaftliche Modelle
Die Untersuchung der Human Factors in der Luftfahrt hat zur Entwicklung wissenschaftlicher Modelle geführt, die das Verständnis für menschliches Verhalten und dessen Auswirkungen auf die Sicherheit im Flugbetrieb verbessern.
- SHELL-Modell:
- Das SHELL-Modell analysiert die Interaktionen zwischen den Elementen Software (Prozeduren, Checklisten), Hardware (Flugzeugtechnik), Environment (Umweltbedingungen) und Liveware (Menschen).
- Ziel ist es, potenzielle Schwachstellen an den Schnittstellen dieser Elemente zu identifizieren und zu minimieren. Ein Beispiel ist die Abstimmung zwischen menschlichen Nutzern und automatisierten Systemen, bei der falsche Einstellungen oder Missverständnisse zu Fehlern führen können.
- Threat and Error Management (TEM):
- Dieses Modell beschreibt den Umgang mit Bedrohungen (Threats) und Fehlern (Errors) im operativen Luftfahrtkontext.
- Wichtige Bestandteile sind die Früherkennung potenzieller Gefahren, die Anwendung von Gegenmaßnahmen und die Nachbearbeitung zur Vermeidung wiederholter Fehler. Ein Beispiel ist die proaktive Identifikation von ungünstigen Wetterbedingungen und die rechtzeitige Umplanung des Fluges.
2. Sicherheitskultur
- Definition und Bedeutung:
- Eine Sicherheitskultur entsteht durch Werte, Normen und Verhaltensweisen, die das Ziel der Sicherheit in den Vordergrund stellen.
- Sie basiert auf einer offenen Kommunikationskultur, die es erlaubt, Fehler und Zwischenfälle ohne Angst vor Sanktionen zu melden.
- Praktische Umsetzung:
- Schulungen zur Stärkung der Sicherheitswahrnehmung und Förderung von Teamarbeit.
- Etablierung von Fehlerberichtssystemen, die es Piloten und Bodenpersonal ermöglichen, Risiken und Beinahe-Zwischenfälle zu dokumentieren.
Aspekte der Luftfahrtpsychologie
1. Menschliche Informationsverarbeitung
Die menschliche Informationsverarbeitung ist ein komplexer Prozess, der die Aufnahme, Verarbeitung und Nutzung von Informationen umfasst.
- Aufnahme:
- Informationen werden über die Sinne (Sehen, Hören, Fühlen) aufgenommen. Beispielsweise erfasst ein Pilot die Position eines Flugzeugs auf der Navigationsanzeige visuell, während er akustische Anweisungen der ATC verarbeitet.
- Verarbeitung:
- Die aufgenommenen Informationen werden im Arbeitsgedächtnis analysiert und mit bestehenden Erfahrungen verknüpft. Limitierte Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses können jedoch zu Überlastungen führen, insbesondere bei stressigen Situationen.
- Umsetzung:
- Basierend auf der Interpretation der Informationen trifft der Pilot Entscheidungen und setzt diese um, z. B. durch Steuerbewegungen oder Änderungen der Konfiguration des Flugzeugs.
2. Menschliche Fehler
Fehler sind ein unvermeidbarer Bestandteil menschlichen Handelns, können aber durch geeignete Strategien minimiert werden.
- Arten von Fehlern:
- Slips: Unbeabsichtigte Fehler, wie das Betätigen eines falschen Schalters.
- Lapses: Gedächtnisfehler, z. B. das Überspringen eines Checklistenpunkts.
- Mistakes: Falsche Entscheidungen aufgrund unzureichender Information oder fehlerhafter Annahmen.
- Fehlervermeidung:
- Die Verwendung von Checklisten, die Automatisierung von Routineaufgaben und die Etablierung klarer Kommunikationsprotokolle sind essenzielle Methoden, um Fehler zu minimieren.
- Fehlermanagement:
- Aktives Eingreifen zur Korrektur von Fehlern, bevor sie zu schwerwiegenden Folgen führen, z. B. durch das Konzept des „Cross-Checks“ innerhalb eines Cockpit-Teams.
3. Entscheidungsfindung
Entscheidungsprozesse in der Luftfahrt sind oft zeitkritisch und erfordern schnelles, aber dennoch fundiertes Handeln.
- Modelle der Entscheidungsfindung:
- Das FOR-DEC-Modell (Facts, Options, Risks and Benefits, Decision, Execution, Check) bietet einen strukturierten Ansatz zur Analyse und Umsetzung von Entscheidungen.
- Risikomanagement:
- Piloten müssen Risiken abwägen und Entscheidungen treffen, die sowohl die Sicherheit als auch die Effizienz des Flugs optimieren.
4. Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit
- Physische Grenzen:
- Faktoren wie Ermüdung, Dehydration oder Sauerstoffmangel können die kognitive und physische Leistungsfähigkeit erheblich einschränken.
- Mentale Grenzen:
- Stress und Arbeitsüberlastung können zu Tunnelblick, reduzierter Entscheidungsqualität und erhöhter Fehleranfälligkeit führen.
Aspekte der luftfahrtbezogenen Gesundheitsfürsorge
1. Fit to Fly
- Medizinische Anforderungen:
- Regelmäßige Untersuchungen stellen sicher, dass Piloten physisch und psychisch in der Lage sind, ihre Aufgaben zu erfüllen.
- Piloten sollten sich bewusst sein, wie sich akute oder chronische Erkrankungen auf ihre Fähigkeiten auswirken können.
2. Alkohol und Drogen
- Gefahren:
- Alkohol und psychoaktive Substanzen beeinträchtigen das Urteilsvermögen, die Reaktionsfähigkeit und die Wahrnehmung. Selbst geringe Mengen können die Flugsicherheit gefährden.
Wahrnehmung
1. Grundlagen der Wahrnehmung
- Filterung:
- Das Gehirn filtert irrelevante Informationen heraus, was unter bestimmten Bedingungen (z. B. hoher Arbeitsbelastung) zu wichtigen Wahrnehmungsausfällen führen kann.
2. Visuelle Wahrnehmung
- Herausforderungen:
- Blendung, Dunkelheit und eingeschränkte Sichtverhältnisse können die Fähigkeit beeinträchtigen, wichtige Informationen korrekt wahrzunehmen.
3. Räumliche Orientierung
- Desorientierung:
- Beschleunigung und plötzliche Bewegungen können zu Illusionen führen, wie der „Graveyard Spiral“, bei der Piloten die Kontrolle verlieren, ohne es zu bemerken.
Fazit
Das Fach Menschliches Leistungsvermögen vermittelt Piloten ein Verständnis der psychologischen, physiologischen und sozialen Faktoren, die die Sicherheit und Effizienz des Flugbetriebs beeinflussen. Die hier behandelten Themen sind nur ein Ausschnitt der Inhalte dieses Fachs.
Quellverweise:
EASA FCL
